Stell dir vor, du willst wegfahren. Deine Koffer sind schon gepackt, es befinden sich Müdigkeit, Erschöpfung, Überreizung, Ärger und Lärm darin.
Nach einer Woche kommst du zurück. Du öffnest deine Koffer und findest Energie, Gelassenheit, Frieden, Licht und Stille darin.
Du warst in Taizé.
Taizé, was ist das überhaupt? Wie erklärt man einen Ort, an dem Ärger zu Liebe wird und Kraftlosigkeit zu Energie?
Denn eigentlich ist es doch nur ein Ort, an dem sich Tausende von Menschen, meist Jugendliche, treffen und gemeinsam beten. In einer Woche des einfachen Lebensstils bei rund 80 Brüdern erleben sie Gemeinschaft und lernen, still zu werden, können nachdenken und sich selbst finden, den Glauben in der Gemeinschaft finden. Taizé ist ein Ort der Ruhe, des Friedens, der Zeit (auch wenn diese viel zu schnell vergeht).
Eigentlich ist es das und lässt sich doch mit Worten nicht beschreiben. Taizé ist weit mehr, als die deutsche Sprache es auszudrücken vermag. Taizé muss man erlebt haben, um es zu verstehen.

 

Vor rund 60 Jahren machte sich Frère Roger auf die Suche nach einem Ort, an dem er glauben kann, und fand ihn in einem kleinen französischen Dorf: Taizé. Schon nach zwei Jahren schlossen sich die ersten Brüder an und lebten das, was Frère Roger als Ziel gesetzt hatte: ein Gleichnis der Gemeinschaft in der Not der Zeit. Kurz darauf schlossen sich für eine gewisse Zeit Jugendliche an, um mit den Brüdern eben diese Gemeinschaft zu leben. Und damit war der Grundstein für das heutige Taizé geschaffen. Mittlerweile gibt es etwa 80 Brüder aus über 25 Nationen und jede Woche Tausende von Menschen aus bis zu 70 Nationen. Gemeinsam wird dann dreimal täglich in der Kirche der Versöhnung mit den typischen Wiederholungsgesängen aus Taizé gebetet und so ein tiefes Gefühl der Gemeinschaft erzeugt – mit fremden Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, die einem dann aber näher erscheinen als zu Hause die besten Freunde. Wer nach Taizé kommt, findet die „Quelle des Glaubens“ und sich selbst und macht eine wertvolle religiöse Erfahrung. Wer einmal dort war, möchte wieder hin.

 

Und genau deshalb war es möglich, dass der Bus der MRS St. Anna auch dieses Jahr nun zum 10. Mal fast vollbesetzt nach Taizé fuhr. Mitten in der Nacht ging es von der Schule aus los. Die meisten nutzten die ersten Stunden, um noch eine Mütze voll Schlaf zu nehmen, bis dann alle um halb acht Uhr von unserem „Hahn“, Schwester Brigitta, mit einem lautem „KIKERIKI“ geweckt wurden. Daraufhin wurde in der Kirche der Autobahnraststätte Baden-Baden erst einmal ein Gottesdienst gefeiert (natürlich mit den Gesängen aus Taizé).
Nach weiteren sechs Stunden Fahrt kamen wir endlich an. Der Himmel begrüßte uns mit einem unheilversprechenden Grau, dennoch war die Laune gut, es waren schließlich alle froh, endlich dem Bus entsteigen zu können.
Bis zum „Welcome“, der Einführungsinformation, war noch etwas Zeit. So konnte derweil noch Musik mit den mitgebrachten Gitarren gemacht werden oder die „Taizé-Neulinge“ unternahmen einen ersten Erkundungsrundgang über den weitläufigen Platz.
Nach dem Welcome, an dem die Baracken eingeteilt, Essenskarten verteilt und Informationen zum Tagesablauf gegeben worden waren, hatten wir bis zum Abendessen Freizeit. Dieses war für die Wenigsten berauschend, denn es gab Kuskussalat, der vielen nicht schmeckte. Um halb neun war dann das erste Abendgebet und danach klang der Tag noch am Oyak (eine Art Treffpunkt für alle mit Kiosk), in der Kirche oder in den Baracken aus. Der Dienstag begann mit einem Morgengebet und einem für Taizé typischen Frühstück: einer Semmel, einem Stück Butter und zwei Stangen Zartbitterschokolade und Tee oder Kakao.
Anschließend trafen sich alle 15- bis 16-Jährigen im großen Zelt T zur ersten Bibeleinführung bei Bruder Norbert. Wir teilten uns im Anschluss daran in die für die ganze Woche feststehenden Kleingruppen auf, um noch intensiver über den Bibeltext, Gott und die Welt zu sprechen.
Danach hatten wir Freizeit, bis es zum Mittagsgebet läutete. Nach dem Gebet gab es Essen und um 15:00 Uhr trafen wir uns wieder in unseren Kleingruppen, um zu reden, Spiele zu spielen usw. Nach diesem Treffen konnten wir wählen zwischen Freizeit bis zum Abendessen oder einem Workshop, bei dem einer der Brüder über ein bestimmtes Thema sprach. Um 20:30 Uhr war dann das Abendgebet und anschließend konnten wir unsere freie Zeit bis zur Nachtruhe nutzen, wie wir wollten.
Im Grunde lief jeder Tag so ab, und doch war es nie dasselbe. Denn wir sprachen stets über andere Dinge, verbrachten die Zeit unterschiedlich und genossen die Stille.
Die Stille war so wertvoll. In jedem Gottesdienst gab es sieben Minuten der Stille, die jeder für sich nutzen konnte. Aus dieser Stille hinaus floss so viel Energie.
Im Gottesdienst am Freitagabend wurde das Kreuz Christi enthüllt, das bis zum nächsten Morgen vorne liegen blieb und zu dem jeder eingeladen war, sich niederzuknien und bei Christus zu beten. Am Samstagabend, nach der Nacht der Lichter, wurde sogar das Spiel Dortmund gegen Bayern übertragen, was für viele wohl ein ziemliches Highlight war. ;)

Alles in allem ist Taizé etwas, das man erlebt haben muss, das man nicht so recht erklären kann, vor allem, da es viel mehr beinhaltet, als man in diesen Rahmen packen könnte. Die Trauer war jedenfalls groß, als es ans Abschied nehmen ging. Nicht nur, weil man so viele neue, tolle Leute kennen gelernt hat, sondern auch weil man ein Stück weit, zu sich selbst gefunden hat.

Jana Flügel, Marlena Haag, Anna Neumeier, Klasse 9 a